Garten-pur Bild: Wassertropfen

Venezia la festa

„An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
Goldener Tropfen quoll's
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik -
trunken schwamm's in die Dämmerung hinaus...“

Friedrich Nietzsche nennt Venedig die einzige Stadt, von der man noch träumen kann, ohne sie je gesehen zu haben. Auch ich habe sehr lange von Venedig geträumt und fast ein ganzes Leben gebraucht, um diesen Traum, den ich in mir trug, seit ich als Kind Bilder von Canaletto (von wem  auch sonst) erblickt hatte, Realität werden zu lassen (Bild 1).  Und dennoch wurde Venedig damit nicht unbedingt wirklicher. Denn kaum eine andere Stadt erscheint einem imaginärer, eher als eine Fiktion und mutet mehr an wie eine immerwährende Operettenkulisse (Bild 2). Ja, Venedig ist ein Fest, ein Fest der Sinne und der Sinnlichkeit. Die Morbidezza dieser Stadt nimmt einen gefangen und hat eine paralysierende Wirkung, wenn ihre Konturen durch das milchige Herbstlicht verschleiert werden (Bild 3). Den Touristenschwärmen auszuweichen fällt nicht sonderlich schwer. Nur wenige Brücken weiter umfängt einen die Stille und Würde einer Sterbenden, deren Tod sich seit Jahrhunderten hinzieht. Sie versteht es, trotz ihres Siechtums noch zu kokettieren, sich zu schmücken und mich vergessen zu lassen, dass der Tod einen unangenehmen Geruch hat (Bild 4). Es gibt viele historische Städte mit wundervollen Gebäuden und Plätzen. Es gibt aber nur sehr wenige, in denen sich das Alte nicht mit dem Neuen arrangieren muss. Venedig hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Und das macht es so einmalig.

Venedig hat keine Straßen. Zumindest nichts, was gemeinhin unter diesem Begriff verstanden wird. Diese Stadt hat gerade mal einige Kanäle, unzählige Wasserläufe, sonst nur Brücken und Gassen, die auf so verblüffende Weise auf einmal vor einem Wasserlauf enden können (Bild 5) und diese wunderbaren kleinen Plätze, die hier, bis auf eine Ausnahme, Campo heißen, da sie für eine Piazza offenbar zu klein sind. Dabei vermittelt uns der Begriff Campo, gleich Feld, den Eindruck eines weitaus größeren Areals. Zwei dieser Campi im Stadtteil San Polo haben wir zu unseren Lieblingsplätzen erkoren: Campo San Polo und Campo S. Giacomo dell’orio (Bild 6). Beide von einem gefangen nehmenden Flair, so dass man stundenlang verweilen könnte, um der Theatervorstellung des Lebens in aller Beschaulichkeit zuzusehen. 

Indes, die etwas abseits gelegenen Stadtviertel in der Nacht zu durchstreifen, gelingt nicht so ganz ohne Beklemmungen. Das Glucksen des Wassers, die Dunstschwaden, das Fehlen menschlicher Geräusche und die Schwärze der Hauseingänge und Nebengassen lassen ungute Gefühle aufkommen. Und doch zieht einen diese wispernde Atmosphäre auf ganz eigenartige Weise in einen lustvollen Bann. Sind dann hin und wieder Stimmen zu hören, so lassen sie sich im Gewirr der Gassen kaum orten. Wo sind die anderen Nachtschwärmer? Vor mir, hinter mir, jenseits des Wassers oder biegen sie gleich um die nächste Ecke? Erleichtertes Aufatmen, wenn eine hell erleuchtete Gondel vorbeigleitet, mit fröhlichen Passagieren und einem sehnsuchtsvolle Lieder schmetternden Gondoliere. Einige haben tatsächlich eine außerordentlich wohltönende Stimme, die in den engen Gebäudeschluchten durch das Wasser und die hohen Hauswände eine fulminante Verstärkung erfahren. Goethe vermerkte in seinem Tagebuch während seiner 1. Italienischen Reise: „Aus der Ferne klingt es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas unglaublich, bis zu Tränen Rührendes.“

Die Stadt will erlaufen sein. Ihre Ausdehnung ist nicht gar so groß, und man ist erstaunt, wie schnell die Stadtviertel durchmessen sind. Die Himmelsrichtungen sollten allerdings verinnerlicht werden, da einen andernfalls die verschlungenen Gassen im Kreis führen können. Die entfernteren und touristisch wenig attraktiven Stadtviertel wie Dorsoduro oder Cannaregio sind so reizlos nicht. Sie haben ihren besonderen Charme, der vor allem in ihrer Ruhe und Beschaulichkeit liegt. Hier pulst das Leben deutlich langsamer. Auch wenn die Gebäude bei weitem nicht die Pracht der Innenstadt entfalten, ist doch das eine oder andere darunter, das durch seine klare Architektur besticht oder im Ensemble seine besondere Schönheit entfaltet. Und immer wieder sind es die kleinen Plätze, diese Campi, mit den Plauderern auf den Bänken, die eine der besonderen Eigenarten des Südens ausmachen.


 

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Letzte Aktualisierung: 17.11.2005  -  © Garten-pur GbR




 

Autor:
Hortulanus
redaktion@garten-pur.de

Datum:
16.11.2005

























 

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