Garten-pur Bild: Wassertropfen

Berichte aus einem unvollkommenen Garten 4:
Geophyten - Hoffnungsfrohe Erwartung

"Dunkel
war alles und Nacht.
In der Erde tief
Die Zwiebel schlief,
die braune.

Was ist das für ein Gemunkel,
was ist das für ein Geraune,
dachte die Zwiebel,
plötzlich erwacht.

Was singen die Vögel da droben
und jauchzen und toben?
Von Neugier gepackt,
hat die Zwiebel einen langen Hals gemacht
und um sich geblickt
mit einem hübschen Tulpengesicht.

Da hat ihr der Frühling entgegengelacht."

(Josef Guggenmoos)


Es schläft so einiges unter der Erde meines Gartens. Das alljährliche Frühjahrswunder ist allerdings weniger die Blütenpracht als vielmehr, was und wo etwas zum Vorschein kommt. An einer Stelle unter der Trauerweide hatte meiner Frau als Ergänzung zu ihrem "Weißen Beet" (lassen wir mal diese etwas arg schmeichlerische Bezeichnung einstweilen unkommentiert hier stehen) sage und schreibe 100 weiße Tulpen gepflanzt. In schwelgerischer Vorfreude malten wir uns die Pracht aus, wenn sich diese weiße Pracht unter dem zarten Grün der aufknospenden Weidenblättern öffnen würde. Es könnte sich um eine späte Sorte gehandelt haben, war meine tröstende Bemerkung, als der Frühling bereits fortgeschritten war. Möglicherweise sogar um eine extrem spät blühende Züchtung, versicherten wir uns gegenseitig, als die inzwischen eingetretene Jahreszeit gemeinhin als Frühsommer bezeichnet wurde. Schließlich blieb uns nichts anderes übrig als zu akzeptieren, dass dort, wo mal etwas war (die Rechnung haben wir noch als Beweis für dunkle Gartenmächte!) das absolute Nichts sein musste. Dafür befanden sich aber in dem werden sollenden Tulpenbeet eigenartige Röhrengänge. Durch diese mussten die Tulpenzwiebeln vermutlich geflüchtet sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Denn im Jahr darauf sprossen mehrere Meter entfernt wenigstens ein paar der Flüchtlinge aus einem völlig anderen Beet. Wir waren sehr dankbar.

Mit Schneeglöckchen habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch sie vermögen unterirdisch zu wandern. Zumindest sind die Zwiebeln einer botanischen Art, die ich allein schon aus Beobachtungsgründen dicht beieinander gepflanzt hatte, inzwischen über ein größeres Areal verstreut. Mag sein, dass die Wühlmäuse sie spielerisch mit ihrer Nase vor sich her getrieben haben. Schneeglöckchen sind unsere einzigen Zwiebelpflanzen, die ihren Vermehrungsauftrag ernst nehmen. Die Horste sind im Laufe weniger Jahre beachtlich gewachsen und können regelmäßig geteilt werden. In unserer unmittelbaren Umgebung gibt es mehrere Schlehengebüsche, die wohl ehemals, als sich Umweltschutz darauf beschränkte, keine Einrichtungsgegenstände und Fahrzeugteile in die Landschaft zu werfen, traditionelle Entsorgungsmöglichkeiten für Gartenabfälle waren. Darunter waren auch – unbeabsichtigt – hin und wieder Schneeglöckchen. Durch Verbote und Einsicht hat man diese "Gartendeponien" inzwischen aufgegeben und sogar vergessen, was dazu geführt hat, dass sich in den Gehölzen eine überreiche Schneeglöckchenpopulation entwickelt hat. An einer Stelle, recht unzugänglich wegen des dichten Unterholzes, ist diese so umfangreich, dass wir zunächst meinten, dort hätten sich Schneereste gehalten. Abertausende dieser zarten, doch so beharrlichen und ausdauernden Frühlingselfen bilden dort einen dichten Teppich. Ich müsste mir mal die Mühe machen, unter ihnen Abweichler in Form und Farbzeichnung auszuspähen. 

Mit ihrem Vermehrungsdrang unterscheidet sich Galanthus nivalis sehr signifikant von der Osterglocken-Wildart Narcissus-pseudonarcissus. Von diesen stehen mehrere Klein-Kolonien zusammen mit Scilla siberica und Crocus tommasinianus unter unserem Nussbaum. Einige dieser Grüppchen vermehren sich leidlich gut, wenn auch nicht so stark, dass man von einem Verwildern sprechen könnte, wie dies die Zwiebel-Anbieter lockenderweise gerne tun. Andere dagegen haben einen auffallenden Mitgliederschwund. Entweder habe ich an diesen Flecken nur überalterte Zwiebeln gepflanzt, die ohnehin kurz vor dem Exitus standen oder andere Einflüsse, die mir derzeit noch schleierhaft sind, haben die Sterblichkeitsrate erhöht. Interessanterweise ist die Rasenfläche unter dem Nussbaum wühlmausfrei. Möglichweise mögen sie den Geruch der Baumwurzeln nicht oder haben sonstige Vorbehalte. Der Tisch wäre jedoch reich gedeckt.

Ein gänzlich anderes Verhalten zeigen die Märzenbecher (Leucojum vernum). Sie verweigern strikt jegliche Vermehrung. Ich habe selten eine so keusche Pflanze gesehen. Vor etwa fünf Jahren haben wir in einem Beet zwei Märzenbecher dicht nebeneinander gepflanzt. Was soll ich sagen? Man ist dem Zölibat bisher nicht untreu geworden. An anderer Stelle steht eine etwas größere Gesellschaft. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass diese zu den Kinderreichen zählen. Aber sie haben sich wenigstens mit Bedacht den einen oder anderen Nachkommen zugelegt. So wird verhindert, dass unser Garten von Märzenbechern überschwemmt wird. Derartige Naturwunder gibt es tatsächlich. Auf der Insel Föhr habe ich vor Jahren im Frühjahr den Garten eines Bauernhauses gesehen, über den unzählige Märzenbecher ein weißes Tuch gebreitet hatten. Ein berauschendes Bild.

Das Phänomen, Zwiebelblüher vorzufinden, die man nie gepflanzt hat, ja, die einem sogar völlig unbekannt sind, ist nicht sonderlich neu. Entweder haben Tiere für die Verbreitung von Samen gesorgt oder bei einem Pflanzenkauf war im Töpfchen aus reinem Zufall mehr drin als bezahlt wurde. Beides will ich auch nicht für meinen Garten ausschließen. Bei mir kommt allerdings als weitere Möglichkeit der Vorbesitzer in Betracht. Obwohl dieser offenbar ein Staudenmuffel war, hat er wohl doch mit leichter Hand den einen oder anderen Tüteninhalt im Garten verstreut. Was die Wühlmäuse unangetastet gelassen haben, verlagerte sich mit unseren umfänglichen Umräumarbeiten hierhin und dorthin, verschwand wohl zu tief im Boden und musste sich deshalb erst mühsam wieder in die richtige, blühfähige Tiefenlage hoch arbeiten (klingt paradox, aber trifft es doch!) oder war durch diese Störungen so verschnupft, dass man sich erst einmal verweigerte.

Einer Sorte Zwiebelpflanzen gehört meine insgeheime Liebe, die leider nur zum Teil erwidert wird: Fritillarien. Die Riesen dieser Gattung, die Kaiserkronen (Fritillaria imperialis) und die Persische Schachbrettblume (Fritillaria persica) bedanken sich für den Pflegeaufwand mit regelmäßiger Blüte. Die einheimische Schachbrettblume (Fritillaria meleagris) hält auch noch wacker mit. Alles übrige glänzt durch Nichterscheinen. Dabei müssen sich so Arten wie Fritillaria michailowskyi üppigst vermehren. Zumindest sind die Zwiebelpreise so lächerlich billig, dass es nicht anders sein kann. Was aber ist dann das Geheimnis meines Gartens, welches ihnen vorzeitig den Garaus macht? Fritillaria meleagris ist eigentlich eine heimische Art, doch wegen ihrer natürlichen Schönheit und infolge extensiver Entwässerungsmaßnahmen nahezu ausgerottet. Jedoch nicht allzu weit von meinem ehemaligen Garten entfernt gibt es im hessischen Kinzigtal eine inzwischen unter Naturschutz stehende Aue-Wiese, die von Schachbrettblumen übersät ist. Diese Wiese musste doch tatsächlich unlängst gegen die Begehrlichkeit eines Stromversorgers, der dort Masten errichten wollte, verteidigt werden.

Eine andere Gruppe von Dienstverweigerern, man könnte sie schon als geophytische Streikposten bezeichnen, sind die Osterglocken. Über das Blühverhalten dieser Zwiebelgewächse ist schon viel geschrieben worden. Leider sind diese klugen Ausführungen ohne jeglichen erzieherischen Effekt auf meine Gartenpopulation geblieben. Ich habe gedüngt und habe Sorten gepflanzt, die angeblich todsicher blühen. Aber das Einzige, was sich in diesem Zusammenhang tot stellt, sind die Blütenknospen. Die Dichternarzissen haben sich sogar mit allem verabschiedet und zeigen noch nicht einmal mehr ihr Laub. Ganz klammheimlich und eine nach der anderen haben sie sich aus dem Staub und vermutlich ins Jenseits gemacht. Die Zwiebeln spielten offenbar Haydns Abschiedsymphonie. Die immer noch sehr teure Sorte "Sinopel", die ich ganz besonders liebe, hält sich zwar gut, vermehrt sich jedoch nur sehr zögerlich. Zu allem Überfluss scheint sie auch noch hinsichtlich ihrer Blütenqualität stark witterungsabhängig zu sein. Zumindest sehen einige häufig ziemlich lädiert aus, so dass man stets das Bedürfnis hat, sich bei Gartenbesuchern für sie zu entschuldigen.

Wildtulpen halten sich an einigen Stellen des Gartens erfreulich gut. Insbesondere die Arten Tulipa saxatilis und T. sylvestris kommen regelmäßig wieder und vermehren sich auch. Bisher blieben sie von den Wühlmäusen verschont. Entweder wurden sie noch nicht entdeckt oder die Zwiebeln sind weniger schmackhaft. Auch Tulipa tarda ist ohne Einschränkungen empfehlenswert. Gleichfalls Tulipa linifolia, die sich als recht standhaft erweist und bisher allen Anfeindungen getrotzt hat. Eine besondere Freude ist Tulipa batalinii "Bronce Charme". Sie ist tatsächlich ein strahlender Charmeur und fühlt sich im sprenkelnden Schatten der Trauerweide wohl. Offensichtlich behagt ihr der trockene, humose Boden, der stark von den feinen Faserwurzeln der Weide durchzogen ist. Das absolute Blütenwunder in meinen Augen aber ist Tulipa humilis "Alba Coerulea Oculata". Keine andere Tulpe hat einen so verblüffenden Farbeffekt und eine so starke Leuchtkraft. Sie steht in einem sehr schottrigen Beet (tatsächlich ist es der untergegrabene Bauschutt des Vorbesitzers) unter dem Schutz des Nussbaums.

Bisher vergeblich bemüht habe ich mich um einen der schönsten Herbstblüher um Sternbergia lutea, die "Gewitterblume", der "Goldkrokus" oder, wie sie einmal in einem Prospekt angepriesen wurde, die biblische "Lilie des Feldes". Das war wohl der eigentliche Auslöser für mich, die Zwiebeln zu bestellen, obwohl diese Bezeichnung vermutlich falsch sein dürfte. Wie so oft bei Pflanzenbezeichnungen der Antike lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen, welche Blume in der Bibel gemeint ist. Es gibt Stimmen, die behaupten, mit "Lilie des Feldes" sei Anemone coronaria, die Kronenanemone, bezeichnet worden, die aber wohl auch, sehr konfus, wieder mit der Madonnenlilie (Lilium candidum) gleichgesetzt wird. Andere wiederum sagen, es handele sich um die Herbstzeitlose (was Sternbergia vom Erscheinungsbild sehr nahe käme) oder den Türkenbund oder eine Schwertlilienart. In der Vulgata steht lediglich "lilia agri" = Lilien des Ackers/Feldes. Da auch der hebräische Ursprungstext keinen Aufschluss gibt, ist die wahrscheinlichste Erklärung, dass eigentlich gar keine bestimmte Blume gemeint gewesen ist, sondern die Herrlichkeit aller Blüten im biblischen Land. Wie und was auch immer: Zumindest kommt Sternbergia dort in sommertrockenen Wadis und an absonnigen Hängen vor. Und muss man alles genau wissen wollen, insbesondere wenn sich damit höchst romantische Vorstellungen verbinden? Allein schon die Erinnerung an die Bibelstelle "Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen" macht diese herrliche Pflanze für mich so begehrenswert. Ich wurde jedoch stets enttäuscht. Die gesetzten Zwiebeln hatten allenfalls grüne Blattspitzen gezeigt, um sich dann für immer zu verabschieden. In der Toskana konnte ich sehen, wie überwältigend schön größere Tuffs dieses Amaryllisgewächses sein können. Der Standort dort war meist halbschattig in kompaktem Lehmboden, der wohl im Sommer stark austrocknet. Gleiche Bedingungen kann ich leider nicht schaffen. Aber die aus Italien mitgebrachten Zwiebeln stehen bislang sehr stramm in einem stark mit Steinen versetzten, nahrungsarmen Beet. Die geringe Winterhärte kann ich nur durch ein paar Fichtenzweige verteidigen. Also hoffe ich erneut, wie bei vielen anderen Pflanzen auch, auf einen milden Winter. In manchen Literaturhinweisen wird für Sternbergia als erträgliche Tiefsttemperatur –5°C angegeben. Träfe das zu, dann wären meine bereits hinüber. Während ich dieses schreibe, zeigt sich das Blattgrün noch unbeschädigt, obwohl das Thermometer in den vergangenen Tagen bis auf –10°C gefallen war. Harren wir der Dinge "in aller Demut und Sanftmut, in Geduld", um noch einmal die Bibel zu zitieren.

Ähnlich enttäuschend verliefen meine bisherigen Erfahrungen mit Orchideen. In meinem früheren Garten hatte ich sehr erfolgreich den einheimischen Frauenschuh (Cypripedium calceolus), aus Gärtnerhand selbstredend, gepflanzt. Wohl mehr aus Zufall wurde von mir, denn damals war ich ein noch größerer Anfänger als heute, der richtige Standort und das wunschgemäße Substrat gewählt. Jedenfalls verbreiterte sich der Horst langsam, doch stetig. Man übertreibt in der Erinnerung ja immer gerne und ich möchte den Frauenschuh nicht mit dem sprichwörtlichen Anglerglück in Verbindung gebracht wissen, aber ca. 30 Blütenstängel, die mühsamst gegen Schnecken verteidigt werden wollten, waren es zum Schluss gewiss. Ein viel größerer Feind als die Schnecken war allerdings ein Igel. Nicht, weil er etwa für seine Angebeteten hin und wieder ein Orchideenblütchen gepflückt hätte (Igel sind wenig feinsinnige Liebhaber), sondern weil er nicht selten ohne jedwede Empathie durch die Stängel walzte und alles niedertrampelte. Der Igel hatte über zwei Jahre hin sein Ruhelager unter einem großen Frauenfarn, Athyrium filix femina "Plumosum", unmittelbar neben dem Frauenschuh-Horst. In der Morgendämmerung trottete er grunzend und grummelnd heimwärts wie ein angetrunkener Zecher, voll des Weins und seiner erotischen Erlebnisse. Der kleine Kerl war ein drolliger Filou und es wäre absolut nicht erstaunlich gewesen, wenn er mit einem schräg auf dem Kopf sitzenden Zylinder vor sich hin geträllert hätte "Jetzt geh' ich ins Maxim, dort bin ich sehr intim, kenn alle Igeldamen ...". So zog er sehr geräuschvoll Morgen für Morgen unter die Farnwedel, schniefte noch ein wenig herum und hustete sich dann in den Schlaf. Ein unsittlicher Lebenswandel fordert eben irgendwann seinen Tribut.

Im neuen Garten blieb ich hingegen mit mehreren Orchideenarten glücklos. Lediglich ein Knabenkraut hält sich seit einigen Jahren tapfer und blüht regelmäßig an einem leider sehr ungünstigen Standort. Ich wage nicht, es zu versetzen. Ein Blick auf den hochmütigen Gesichtsausdruck der kleinen Blüten genügt, um zu wissen, mit welcher Mimose man es zu tun hat.

Ein Gast aus südlicheren Gefilden, gleichwohl völlig winterhart – man könnte ihn sogar als winterresistent bezeichnen – erfreut mein Gärtnerherz auf ganz besondere Weise. Ist er doch der meines Wissens einzige, der sich erst, wenn es kalt und unwirtlich wird, dazu anschickt, seine Pracht zu entfalten. Als älteres Exemplar bietet er einen geradezu exotischen Anblick und lässt Passanten neugierig fragen. Kluge Gärtner, die gerade soweit eifersüchtig sind, dass andere es nicht sofort merken, verweigern zwar nicht die Auskunft, behaupten aber, der Name sei ihnen entfallen und die Pflanze sei ein Geschenk, weshalb auch Bezugsquellen gar nicht genannt werden können. Das wär's wohl noch, nachher in jedem x-beliebigen Vorgarten ein so prächtiges Gewächs vorzufinden! Wo bliebe denn da die Exklusivität? Mein Exemplar ist ein heißgeliebtes Souvenir aus einem italienischen Straßengraben. Unvorsichtigerweise hatte es eine Blattspitze aus dem sonst zugewachsenen Graben hervorlugen lassen. Da ich nie ohne Pflanzenstecher reise, war die künftige Heimatfrage schnell geklärt. Nach einer eigentlich recht kurzen Eingewöhnungsphase schien sich das damals noch kleine Pflänzchen durchaus wohl zu fühlen. Jedenfalls nahm es an Umfang und Größe schnell zu. Inzwischen feiere ich sein 5. Standjahr. Arum italicum heißt die Angebetete. Mir fällt keine andere Pflanze ein, die während der Winterzeit mit einem so auffällig geformten und gemusterten Blatt aufzuwarten vermag. Allenfalls Helleborus könnte noch ein wenig konkurrieren, erreicht aber bei weitem nicht das elitäre Erscheinungsbild dieser Aronstab-Art. Kulturreisende, solltet ihr zufällig im Oktober in die Toskana kommen, besucht auf alle Fälle auch die Stadt Montepulciano. Zwar ist das Stadtbild nicht zu verachten, doch euer eigentliches Interesse sollte auf einen von Bäumen leicht verschatteten Grashang an einem Busparkplatz vor den Toren der Stadt, unterhalb des Poggiofanti-Parks, gerichtet sein. Dieser Hang ist übersät mit Arum italicum. Das alleine wäre nicht sonderlich erwähnenswert. Erstaunlich ist jedoch die sehr vielfältige Aderung und Marmorierung der Blätter. Darunter gibt es Blattschönheiten, deretwegen man lieber nach einem Spaten Ausschau halten würde als nach den Kunstschätzen des Ortes. Ich jedenfalls bin schmachtend durch den Hang gestiegen und konnte meine Sehnsucht nur zu einem winzigen Teil und völlig unzureichend stillen.

Eine besondere Liebenswürdigkeit von Arum italicum ist seine Bereitwilligkeit sich auszusamen. Allerdings benötigen diese Sämlinge doch etliche Jahre, bis sie eine nennenswerte Größe erreichen. Sie lieben eine schwere, kalkhaltige Erde, die dennoch gut mit Steinmaterial durchlüftet ist. In meinem Garten erweist sich die Pflanze als absolut problemlos, obwohl ihr Standort sehr sonnig und trocken ist.  Zwar erschrecke ich jedes Mal, wenn sie im Herbst plötzlich und unerwartet einzieht, aber dann, wenn nichts anderes wachsen will, sondern sich ganz im Gegenteil zur Ruhe begibt, schiebt dieser Aronstab erneut seine ersten Blattröllchen aus der Erde, um jetzt im Februar, während ich dies schreibe, in vollem Ornat zu prangen. Scharfe Fröste werden überdauert, in dem sich die Blätter schlaff und wie gekocht auf den Boden legen. Jegliche Sorge ist unberechtigt. Sobald der Frost vorbei ist, stehen sie wieder aufrecht da.

Eine weitere, äußerst gartenwürdige Wildpflanze ist Corydalis cava, der Hohle Lerchensporn. In unserer unmittelbaren Umgebung wächst er in Buchenwäldern in großer Zahl. Einige davon sind reinweiß, die meisten hingegen violett-rosa. Corydalis lässt sich willig versetzen und vermehrt sich im eigenen Garten zwar sehr langsam, aber merklich. Er vermisst zweifellos die lockere, dicke Humusauflage seines Naturstandortes. Wir haben ihn an den Fuß mehrerer Sträucher gesetzt, wo nicht die Gefahr besteht, seine äußerst empfindliche hohle Knolle durch Grabearbeiten zu verletzen. Und so stehen sie dann eng beieinander, sich gegenseitig drängelnd und knuffend: Lerchensporn, Alpenveilchen und Schneeglöckchen. Zeitweilig blühen einige gemeinsam, wenn der eine nicht aufhören mochte zu blühen oder andere ihre Neugier auf den zu ahnenden Frühling nicht zügeln wollten.

 



Letzte Aktualisierung: 16.2.2006  -  © Garten-pur GbR




 

Autor:
Hortulanus
redaktion@garten-pur.de

Datum:
16.2.2006

Fotos:
Hortulanus

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