Arbeitsschwerpunkte des SamenArchivs

1. Basisarbeit: Verbreitung und Wiedereinführung alter und seltener Sorten durch den Tausch von Saatgut

Das Archiv wurde gegründet, um alte Gemüse-Sorten und Neuerungen (wieder!) in unseren Gärten heimisch zu machen. Wesentlicher Eckpfeiler ist dabei der Tausch von Saatgut mit und unter den ErhalterInnen (Paten). Dass so viele Longlife-Tomaten aus Holland und Südeuropa eingeführt werden, liegt sicher nicht an den guten Geschmackseigenschaften der Importware. Es gibt einfach keine Alternativen! Viele alte und ausgefallene Sorten werden weder als Frucht noch als Saatgut gehandelt. So legen europäische und nationale Vorschriften Zulassungshürden für Saatgut fest, die nur größere Züchter überspringen können. Der Handel mit Massenware wird eindeutig begünstigt. Und pflanzengenetische Ressourcen werden weiterhin in den Genbanken schlummern, wenn wir an diesem System nichts ändern.

Die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt wird aber nur gelingen, wenn diese Pflanzen auch angebaut werden. Das bloße Archivieren und Aufbewahren des Saatguts bringt noch keine Sortenvielfalt zurück. Daher hat sich das Private SamenArchiv einem breiten Publikum geöffnet. Es will neugierig machen und Alternativen bieten und so das Überleben der alten Sorten langfristig sichern. Nur wer einmal eine braune, süß schmeckende Tomate gegessen hat, wird den Unterschied zur Supermarktware auch bemerken und entsprechende Konsequenzen bezüglich seiner Ernährung ziehen.


Voraussetzungen für ein Tauschangebot

Auch Pflanzen werden von Pilz-, Virus- und Bakterienkrankheiten befallen. Einige dieser Erreger können auch auf dem Saatgut jahrelang überleben. Daher wird von jedem Tauschpartner (Paten, Vermehrer) erwartet, dass er nur absolut gesunde und wüchsige Pflanzen vermehrt. In der Regel genügen hier der Augenschein bzw. der Vergleich mit gesunden Pflanzen.

Weit schwieriger ist das Problem mit der Verkreuzung. Ohne einige Grundkenntnisse geht hier nichts. Wer Kürbisse vermehren will, muss natürlich wissen, dass sich nicht nur Sorten der gleichen Arten, sondern auch einige Arten untereinander kreuzen können. Kreuzungsgefährdet sind z. B. auch alle Kohle. So kann sich Rosenkohl mit Grünkohl kreuzen. Das Angebot des SamenArchivs  mit rund 3.000 Sorten ist aber so umfangreich, dass selbst blutigste Anfänger zahlreiche Arten und Sorten finden können, die sich selbst auf engstem Raum kaum verkreuzen. Dazu zählen viele Kräuter oder Bohnen der Art Phaseolus vulgaris. Im SORTENBUCH wird auf die Verkreuzungsgefahr hingewiesen. Insofern wird jeder Interessent eine seinem Wissens- und Kenntnisstand angemessene Art oder Sorte finden.


"Eintauschpotential" und "Tauschbestellung"

Getauscht werden zunächst nur die im SORTENBUCH genannten Sorten, wobei für jede Art ein anderer Tauschwert gilt. 1 Gramm Wildtomatensamen ist dabei so viel wert wie 50 Gramm Mondbohnen. Der Tauschwert ist also u. a. abhängig von der Größe/dem Gewicht der Samen, von der Schwierigkeit der sortenreinen Vermehrung und vom Aufwand der Saatgutaufbereitung. Auch kann der Tauschwert von Pflanzenarten, die große Samenmengen liefern, z. B. Getreide oder Körner-Amaranth, nicht so hoch sein wie bei kompliziert zu ziehenden Gemüsen wie z. B. der Balsamgurke (Momordica).

Gewisse Sorten - z. B. solche, die noch gehandelt werden oder schon ausreichend im Archiv vorhanden sind - sind allerdings vom Tausch ausgeschlossen. Daher muss jeder Besteller bei seiner Bestellung die Sorten auflisten, welche er zu vermehren beabsichtigt. In der Regel besteht aber hoher Vermehrungsbedarf bei allen Nachtschattengewächsen (insbesondere Paprika, Tomaten, Auberginen) und allen Bohnen (hier insbesondere Busch- und Feuerbohnen sowie Mondbohnen).

Das "Eintauschpotential" ist also der Wert des selbst vermehrten Saatguts, das zum Tausch angeboten wird. Als Gegenleistung liefert das SamenArchiv bis zu 20 Tüten Tauschware oder stellt einen Gutschein in der Höhe des Tauschwertes aus. Die "Tauschbestellung" gleicht also einer normalen Bestellung - außer, dass anstatt mit Geld mit Ware als Gegenleistung "bezahlt" wird. Den Tauschwert ermittelt der jeweilige Besteller selbst anhand der Angaben im SORTENBUCH oder anhand der Angaben auf der ehemals bestellten Samentüte.

Das „Eintauschpotential“ sollte den Wert von 20 €  nicht überschreiten. Schließlich ist die kostenlose Bearbeitung einer Tauschbestellung arbeitsintensiv und zudem ist ja nicht sichergestellt, dass sich überhaupt ein Abnehmer für die eingetauschte Ware findet. Für den Vermehrer (Paten) hat es aber den Vorteil, dass er sich praktisch kostenlos mit bis zu 20 neuen Sorten pro Kalenderjahr versorgen kann.

Daneben gibt es noch die Möglichkeit, per Vertrag gezielt bestimmte Sorten für das SamenArchiv gegen Bezahlung oder über die Tauschgrenze von 20 Tüten hinaus zu vermehren. Dies kommt z. B. in Betracht für Arten, die das SamenArchiv an Wiederverkäufer abgibt, die spezielle Kenntnisse im Anbau erfordern oder die - wie z. B. Passiflora - im mitteleuropäischem Klima nicht oder schlecht im Freiland fruchten bzw. nicht winterhart sind.

Auf Anfrage tauscht das SamenArchiv auch alte und seltene Sorten, egal ob Gemüse, Getreide oder Blumen, 1 : 1 ein. Vielfach wachsen in den Gärten noch Pflanzen aus Großmutters Zeit, die es im Handel nicht mehr zu kaufen gibt. Gerade an solchen Schätzen ist das SamenArchiv stark interessiert und kauft Raritäten auch gerne an. Voraussetzung ist allerdings eine schriftliche Anfrage mit Rückumschlag und ausführlicher Beschreibung (wichtig wäre ein Sortenname) der Sorte oder Pflanzenart. Wer Saatgut auf Verdacht einsendet, sollte, sofern er es bei Desinteresse zurück haben möchte, immer ausreichend Porto für die Rücksendung beilegen. Häufig kommt es nämlich vor, dass Saatgut der selben Sorte schon beim SamenArchiv liegt, auch wenn diese nicht im SORTENBUCH aufgelistet wurde.

Größte "Lieferanten" des SamenArchiv sind dabei "Weltenbummler", die allerlei Gewächse sammeln und das Saatgut gerne mit anderen teilen, welche nicht die Zeit und finanziellen Mittel haben, die entlegendsten Orte unseres Planeten zu besuchen. Und häufig wachsen ein Amaranth aus Vietnam oder eine Kichererbse aus Afghanistan in deutschen Gärten fast ebenso gut.

Daher bittet das SamenArchiv auch alle, die an ihrem Urlaubsort auf irgendeine Weise an Saatgut kommen: Nehmen Sie von jeder Sorte etwas mit und senden Sie uns ein paar Körner davon zum Testen zu. Oft handelt es sich selbst bei auf lokalen Märkten massenhaft angebotenen Waren um alte Land- oder Haussorten, die sonst nirgendwo auf der Erde angebaut werden und schon morgen ausgestorben sein können.

Eine weitere wichtige Quelle des SamenArchivs sind Deutsche, die verstreut in aller Welt leben. Und nicht zu vergessen sind die vielen ausländischen Mitbürger, welche Samen aus ihrer alten Heimat einsenden.

 

2. ErhalterInnen alter Sorten herausbilden - Patenschaften vergeben

Der Sprung von der Tauschbestellung zum Paten einer Sorte ist nicht weit. Wer an einer Sorte Gefallen gefunden hat, der wird sie in der Regel über Jahre anbauen und vermehren. Solche Personen können sich als "ErhalterIn" in die Sortenliste eintragen lassen. Die kostenlose Eintragung ermöglicht den "Vertrieb" des Saatguts in Eigenregie und bringt häufig interessante Kontakte zu Gleichgesinnten.

Die fleißigsten Helfer des Samenarchivs sind jedoch die "stillen ErhalterInnen", also Personen, die aus verschiedensten Gründen auf eine Eintragung verzichten und dem Samenarchiv stattdessen über Jahre hinweg Saatgut und ihre Erfahrungen mit den jeweiligen Sorten zur Verfügung stellen. Durchschnittlich betreuen solche Personen etwa sechs Sorten. In einem Fall sind es auch weit über 100 Sorten. 

 

3. Erstellen einer "beschreibenden Sortenliste"

Mit großen Erfolg ist es dem Samenarchiv gelungen, Interesse für die Sortenvielfalt - insbesondere bei Tomaten - zu wecken. Das zeigen jedenfalls Anfragen und Reaktionen auf Artikel in den Printmedien sowie auf Sendungen im Fernsehen und im Hörfunk. Da das Samenarchiv aus finanziellen, zeitlichen und personellen Gründen nicht in der Lage ist, Anfragen zu beantworten, muss es sich auf den stereotypen Versand des SORTENBUCHS und den Hinweis auf diverse Veröffentlichungen des Archiv-Gründers, wie diese hier, beschränken. Fakt ist nämlich auch, dass Vielfalt verwirrt.

Was das Sortenbuch betrifft, so wird manche Sorte nur aufgrund ihres Namens  - oder was man daraus herausliest - geordert, da teils ausführliche Beschreibungen fehlen. Dies soll mit jeder Ausgabe des SORTENBUCHS verbessert werden. Bei einigen Sorten wird daher jeder Bezieher von Saatgut aufgefordert, eine kurze Sortenbeschreibung durchzuführen. Diese Beschreibung ist auf einer vorgedruckten Karteikarte (DIN C6) in zwei bis drei Minuten durchzuführen. Bei Tomaten werden z. B. 15 Positionen abgefragt - u. a. der Ertrag (hoch, mittel, niedrig), der Reifebeginn (Datum) und die Widerstandsfähigkeit gegen Braunfäule. Die Antworten sind entweder vorgegeben und können angekreuzt werden oder können, wie die Wuchshöhe, schnell eingetragen werden.

Die eingehenden Daten werden dann ausgewertet und mit den vorhandenen, meist vom SamenArchiv selbst ermittelten, Werten verglichen. Sukzessiv werden die Informationen dann in gebündelter Form in das SORTENBUCH übernommen, welches somit gleichzeitig zu einer beschreibenden Sortenliste wird.

Pflanzen sind Lebewesen, die sich je nach Witterung, Anbauweise, Boden und Pflege anders verhalten. Insbesondere der Ertrag und die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten sind hier von Interesse. Bei Tomaten liegt der Interessenschwerpunkt bei der Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Sorten gegen Kraut- und Braunfäule. Hier sammelt das SamenArchiv seit Jahren Daten und versucht, die Erkenntnisse weiterzugeben. Teils werden die Ergebnisse von verschiedenen Einrichtungen (Landwirtschaftsämtern, Gartenbauvereinen etc.) zur Schulung und bei Vorträgen verwendet.

 

4. Auslese widerstandsfähiger Sorten für den regionalen Anbau

Nach mehreren Jahren des schweren Befalls durch die Kraut- und Braunfäule an Tomaten versucht das Samenarchiv solche Sorten auszulesen, die eine gute Widerstandsfähigkeit gegen Phytophthora infestans besitzen. Diese Sorten wurden - um die Sache verständlich zu machen - wie mit Schulnoten bewertet. Es wurden bereits rund 20 Sorten gefunden und beschrieben, die relativ stabil gegen diesen Algenpilz sind. Ein entsprechendes Info-Blatt kann beim SamenArchiv kostenlos gegen einen mit 0,55 € frankiertem Rückumschlag der Größe DIN C6 angefordert werden. 

Seit zwei Jahren nun beteiligt sich das SamenArchiv an einem Forschungsprojekt der Uni Göttingen und des Dreschflegel e. V. Dabei werden Tomaten an rund 30 Standorten auf Braunfäulewiderstandsfähigkeit getestet. Der Test wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert. Auch an einigen der hier getesteten zehn Sorten zeigte sich bereits eine deutlich höhere Widerstandsfähigkeit gegen Braunfäule als bei Handelssorten. Letztlich sollen sich Freilandsorten herauskristallisieren, die für den Anbau im Hausgarten, für Selbstversorger und für gewerbliche Anbauer bzw. Direktvermarkter interessant sind.

Es ist ja sowohl ökonomisch als auch ökologisch unsinnig, Tomaten über weite Strecken zu transportieren. Schließlich handelt es sich je nicht um Südfrüchte wie Bananen oder Orangen. Einige Typen wachsen sogar bei kühler Witterung besser als im Gewächshaus. Der ortsnahe Anbau und Handel bedarf daher eines Anstoßes. Gewinnaussichten sind hier wirksamer als alle ökologisch fundierten Appelle.

Fortsetzung im fünften und letzten Teil: Die Gefahren der Gentechnik

Letzte Aktualisierung: 23.2.2015  -  © Garten-pur GbR