Sortenvielfalt ist eine kulturelle Leistung

Vor Jahrtausenden, als die Landwirtschaft noch in den Anfängen stand, begann der Mensch solche Pflanzen herauszuselektieren, welche z. B. nicht mehr ausstreuten, Bitterstoffe verloren haben oder größere Früchte ansetzten. Dies war unabdingbar für das Sesshaftwerden. Doch die schnöde Nahrungsaufnahme und der Zwang überleben zu wollen, war nicht die alleinige Schubkraft für das Entstehen einer gigantischen Sortenvielfalt. Ansonsten würde sich unser Zusammenleben kaum von dem eines Insektenstaates unterscheiden. Vielfach waren es kulturelle, rituelle und religiöse Gründe oder nur der Spieltrieb des Menschen, welche hier nachhalfen.

Schon an der Kartoffel kann man erkennen, welch ein Beziehungsgeflecht zwischen Kultur und Nahrungsmitteln besteht. So verwenden wir für Klöße und Püree mehlig kochende Sorten, für Bratkartoffeln und Salat dagegen festkochende. Oft sind Nahrungsaufnahme und Riten unmittelbar miteinander verbunden. Man denke nur an alkoholische Getränke. Und zudem werden Pflanzen ja nicht nur zum Verzehr angebaut: So kann man aus Sorghum- Hirsen Mehl, Sirup (Zuckerhirse) und Besen (Besenhirse) herstellen. Dabei sind Sorten entstanden, die universell oder nur für einen Zweck verwendet werden. Eine Körnerhirse wird sich weniger zur Herstellung von Besen eignen und umgekehrt. Bestimmte Amaranth-Sorten wie 'Hopi Red Dye' wiederum liefern Körner, aus denen man Brei herstellen kann sowie Blätter, die essbar sind und zudem zum Färben von Maisfladen verwendet werden. Wobei letztere wieder zu rituellen Zwecken verwendet werden.

Schon anhand dieser wenigen und einfachen Beispiele zeigt sich, wie eng das Beziehungsgeflecht zwischen menschlicher Kultur und unseren Nutzpflanzen ist. Die Beispiele zeigen aber auch, welch großer Schaden entsteht, wenn es zu einer Entfremdung von Nutzpflanze und menschlichen Gemeinschaften kommt. Wer die Kontrolle über unsere Nutzpflanzen erlangt, fügt der Menschheit nicht nur materiellen Schaden zu. Er zerstört ihr soziales Umfeld, schwächt damit den Einzel-nen und macht ihn abhängiger.
 
Wildpflanzen spalteten sich in menschlicher Obhut in eine ungeheuere Zahl von Sorten auf und brachten immer wieder neue Spielarten und Mutationen hervor, die, so sie aus irgendeinem Grund Gefallen fanden, weitervermehrt und stabilisiert wurden. Häufig fanden Sorten in größeren Regionen durch Handel Verbreitung (Landsorten), manchmal wurden sie auch nur in der Familie weitergegeben (Haus- oder Hofsorten). Je mehr Landwirtschaft und Gemüseanbau expandierten, umso größer wurde der Reichtum an Sorten.

Bewundernswert ist insbesondere der immense Züchterfleiß der Indios Süd- und Mittelamerikas. Ihnen verdanken wir Tomaten, Mais, Amaranth, Kartoffeln, Paprika und die Phaseolus-Bohnen. Pflanzen, die heute in fast allen Klimazonen der Erde wachsen. Obwohl der amerikanische Kontinent als letzter von der Menschheit besiedelt wurde, haben die amerikanischen Indianer-Völker weit höherwertigere und universell breiter einsetzbare Nutzpflanzen geschaffen als andere Kulturvölker dieser Welt. Eine Leistung, welche ihnen die Europäer mit Unterjochung und Ausrottung gedankt haben. Und der Feldzug gegen die Schöpfer unserer Nahrungsmittel geht weiter: International agierende Konzerne eignen sich alte Landsorten an, verändern sie leicht und lassen sich darauf Patente geben. In Indien gab es deswegen schon Aufstände. Doch auch die nordamerikanischen Farmer sind längst nicht mehr Herr ihrer eigenen Scholle. Sie haben anzubauen, was ihnen die großen Nahrungsmittelkonzerne vorschreiben.

Das SamenArchiv bemüht sich, auf die Vielfalt unserer Nahrungspflanzen hinzuweisen und gegen eine Vereinheitlichung unserer Lebensgrundlagen vorzugehen. Hier bekommt man noch Maissorten der Hopi und der Mandan sowie Bohnen und Tomaten der Cherokee-Indianer.

Dass Pflanzen Kulturgüter und ein Erbe der gesamten Menschheit sind, scheint die Öffentlichkeit nicht zu interessieren. Man stelle sich vor, Bürokraten und Politiker würden historische Schriften, Bauten und Gemälde vernichten lassen. Ein Aufschrei ging durch die Presse! Doch die Vernichtung unserer wichtigsten Kulturgüter, den Nutzpflanzen, löst keinerlei Empörung aus. Ein kluges Buch oder ein schönes Bild lässt sich von einer begabten Person (man denke nur an den genialen "Fälscher" Konrad Kujau) leicht wieder herstellen. Eine einmal verlorene Gemüsesorte dagegen bleibt für immer verloren.

 

Minderer Nährstoffgehalt der Massenware

Heute hingegen ist diese Vielfalt in Vergessenheit geraten. Geschmacklose Massenware einheitlicher Sortierung wird in wenigen Anbauzentren produziert und dann über den ganzen Erdball verschickt. Hohe Lagerfähigkeit und extreme Festigkeit lassen weite Lieferstrecken zu. Tomaten haben rot, rund und wochenlang schnittfest zu sein.

Die Reduzierung auf solch (ernährungsphysiologisch völlig unwichtige) Eigenschaften ist schon symptomatisch für unsere Nahrungsmittelindustrie: Die Anzahl der Arten und Sorten unverarbeiteter Nahrungsmittel sinkt ständig, während die Industrie durch Verarbeitung der Grundnahrungsmittel immer wieder neue Fertigprodukte ersinnt.

Bei Tomaten und anderen Gemüsen reduziert sich das Angebot auf Sorten, die in erdlosen Substraten möglichst schnell heranwachsen und überhaupt keine Zeit bekommen, ausreichend lebenswichtige Mineralien und Vitamine einzulagern. Ihre Früchte sind nur geschmacklose Hüllen. Untersuchungen zeigen ganz deutlich, dass der Nährstoffgehalt der neueren Gemüsesorten dramatisch abgenommen hat. Zudem wird von Forschern der Verdacht geäußert, dass etliche Zusatz- und Farbstoffe industriell gefertigter Nahrung sogar unser Gehirn schädigen können.

 

Fortsetzung in Teil 4 von insgesamt 5: Arbeitsschwerpunkte des Samenarchivs

Letzte Aktualisierung: 23.2.2015  -  © Garten-pur GbR