Erheblicher genetischer Verlust bei unseren Nutzpflanzen

Wenn Schätzungen, die zum Teil durch Untersuchungen belegt sind, stimmen, so ist in den letzten 100 Jahren der größte Teil unserer Nutzpflanzensorten ausgestorben. Bei Tomaten sind z. B. über 90 % aller Sorten verschwunden (zumindest werden sie nicht mehr gehandelt). Dies ging einher mit dem Verschwinden zahlloser kleiner Vermehrungsbetriebe und Gemüseanbauer (von den Arbeitsplätzen gar nicht zu reden). Verloren ging auch das Wissen einer breiten Basis von Fachleuten zugunsten weniger Forschungslabore. Heute befassen sich internationale Konzerne mit der Pflanzenzüchtung - und in fast allen Fällen steckt die chemische Industrie dahinter. Eine perverse Realität: Die Scholle mit ihren Myriaden von Lebewesen unterjocht von der chemischen Keule und bepflanzt mit Monokulturen. 

Hitlers Schergen haben dabei "wertvolle" Vorarbeit geleistet. In den Ernährungsschlachten des 3. Reiches sollte nur noch das Beste Platz finden, wobei natürlich ein deftiger deutscher Name schon ein entscheidender Vorteil war. Da jubelten die Gartenautoren der 1940-er Jahre noch, dass es endlich gelungen sei, der "verwirrenden Sortenvielfalt" ein Ende zu setzen. Heute findet sich dieses Gedankengut noch im Saatgutverkehrsgesetz: Der Verbrauchen soll vor den "schlechten" Sorten geschützt werden. Was "gut" und "schlecht" ist, das wird behördlicherseits festgelegt. Und wer bezahlt, der darf dann mit seiner noch so (im wörtlich weitesten Sinne) geschmacklosen F1-Hybride auf den Markt. Natürlich rechnet sich das nur bei Massenproduktion - die bevorzugt im "klimatisch günstigeren" Ausland produziert wird. Dass solche "Sorten" unserem Klima überhaupt nicht angepasst sind, scheint nicht zu stören.

F1-Hybriden sind natürlich auch keine Sorten - ein Ärgernis, mit dem man in vielen Fachbeträgen von Personen mit Professorenwürde und Doktortitel immer wieder konfrontiert wird. Eine Sache mit einem Begriff zu belegen basiert auf Konvention und Tradition, nicht auf Tatsachenverdrehung. F1-Hybriden sind Einzelpflanzen – selbst wenn es Milliarden davon gäbe. Würde man dies auf das Tierreich übertragen, würde ja mit jeder Schäferhund-Pinscher-Kreuzung eine neue Hunderasse entstehen. Und die mächtigen Nachkommen einer Löwe-Tiger-Liaison wären dann ebenfalls eine neue Tierrasse. Insofern ist ein Vergleich von F1-Hybriden mit richtigen Sorten unsinnig. Es besteht weder der gleiche Entwicklungsstand, noch kann man eine Sorte in ihrer Gesamtheit mit einer Summe von Einzelpflanzen vergleichen. F1-Hybriden spalten auf und machen so einen Nachbau unmöglich. Sie sind das ideale Mittel, um Konkurrenten auszuschließen. Jeder Produzent einer Hybride hat somit einen eingebauten Sortenschutz. Das SamenArchiv gibt daher auch keine F1-Hybriden ab. Es will ja gerade das für Gegenteil, nämlich für die Verbreitung der alten Sorten sorgen. Es scheint aber schwierig, (Hobby-)Gärtner davon zu überzeugen, dass es Alternativen zum teuren Hybridsaatgut gibt, wenn die Redakteure der zahlreichen Gartenzeitschriften unisono behaupten, F1-Hybriden brächten einen höheren Ertrag und wären "resistenter".

Deshalb kennen wir auch nur rote Einheitstomaten und orange Möhren. Sorten dagegen, die sich über Jahrhunderte gehalten haben, wurden kraft behördlicher Bestimmung zu Abfall. Dabei kann jeder im eigenen Garten testen, was von teurem Hybridsaatgut im Vergleich zu alten Landsorten zu halten ist. Hier geht es nicht um Geschmack und gesunde Pflanzen, sondern um Marktbeherrschung. Am Ende werden diejenigen über die Welt regieren, welche sich die Macht über unser Saatgut angeeignet haben. Die Politik scheint sich daran nicht zu stören, "verkauft" die eigene Bevölkerung an die Chemische Industrie und erklärt damit die Leistungen unserer Vorfahren für obsolet. So verwundert es nicht, dass seit Generationen kaum mehr jemand weiß, wie eine richtige Tomate schmeckt oder dass es gelbe und violette Möhren gibt. Heute essen wir die gleichen Möhren wie die Italiener und Franzosen. Regionale Spezialitäten gibt es nur noch verstreut. Zwar verlangt man in Süddeutschland noch "Gelbe Rüben", bekommt aber orange Möhren. Niemand scheint sich daran zu stören.

Die Entfremdung von unseren Nutzpflanzen ist bereits so weit fortgeschritten, dass viele Leute gar nicht sagen können, wie Salat blüht. Unsere Kinder können problemlos zehn Automarken nennen, aber nicht einmal zehn Tomatensorten (von vielleicht weltweit noch 15.000). Kürzlich sah ich im Fernsehen einen (ansonsten seriösen) Beitrag über ein italienisches "Dorf der 100-Jährigen". Dort esse man "eine Art Kichererbse", hieß es. Jeder, der Augen im Kopf hat, konnte sehen, dass die Frauen aber Platterbsen (Lathyrus sativus) kochten, die sich schon in der Form völlig von allen Lathyrus-Arten unterscheiden. Wie kann es sein, dass ein Großteil der Bevölkerung keine Puffbohnen, keine Melde, keine Hirsen mehr kennt oder gar glaubt, Möhren seien orange, Tomaten rot und Auberginen violett? So brutal kann die Wirkung von Marketing sein, dass wir glauben, das Designer-Food aus dem industriellen Anbau sei unsere Nahrung.

Und anstatt uns die Genüsse unserer Vorfahren munden zu lassen, füttern wir eine gigantische Bürokratie, die mit der EU einen unbegrenzten Spielplatz gefunden hat, und lassen uns vorschreiben, was wir zu essen haben. So finden wir Arten, die gewisse Marktbedeutung haben, im Saatgutverkehrsgesetz. Sorten dieser Arten wiederum werden geprüft und benötigen eine Zulassung. Werden sie nicht mehr nachgefragt, verlieren sie die Zulassung wieder - egal, ob sie gut oder schlecht sind. Da dies alles mit hohen Kosten verbunden ist, bleiben natürlich nur Sorten übrig, die von Großunternehmen stammen. Unser Staat unterzeichnet internationale Übereinkommen zur Rettung genetischer Ressourcen, vernichtet sie aber andererseits völlig grundlos und mit beängstigendem Eifer. Dabei wird auch die Existenz eines ganzen Betriebes in Kauf genommen. In der EU hat man staatlich verordnete Produkte anzubauen. Wer ausschert, muss büßen. Das Saatgut unserer Großeltern ist für die Enkel tabu. Zum Glück kennt man in anderen Staaten (z. B. in der Schweiz und den USA) keine staatlich gelenkten Ausrottungskampagnen. Und ich habe von dort auch noch nichts von einem Einwohnerschwund aufgrund des Genusses alter Gemüsesorten gehört.

Genetisch gesehen ist der Verlust so vieler Sorten ein Katastrophe. Wertvolles genetisches Material ging zugunsten inzüchtiger Einheitssorten verloren. Die Arbeit von Generationen fiel kurzfristigen Gewinninteressen zum Opfer. Heute essen wir Fertignahrung aus den immer gleichen Grundstoffen mit Geschmacksverstärkern als Ersatzmittel zur echten Vielfalt - Monokultur mit Chemie versetzt. Seltsamerweise (ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt und evtl. sogar Filz zwischen Bürokratie und Großkonzernen vermutet) wird "Verbraucherschutz" bei Fertigprodukten weit laxer betrieben. Es gibt ja immer noch Leute, die glauben, der Erdbeergeschmack im Erdbeerjoghurt käme von echten Erdbeeren. Warum muss nicht klar deklariert werden, wenn stattdessen Baumrinde drin ist? Warum wird Hähnchenfleisch aus Fernost (Vogelgrippe!) nach der Verarbeitung im Inland zu deutscher Ware?

Unsere Nutzpflanzen sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis unsäglich mühsamer, oft tausendjähriger Auslese- und Züchtungsarbeit. Dabei haben die Pflanzen Giftstoffe verloren und wertvolle Inhaltsstoffe gewonnen. So ist letztendlich eine Symbiose zwischen Mensch und Nutzpflanze entstanden: Wir Menschen konnten mit Hilfe der Pflanzen sesshaft werden, Städte gründen und mit der Arbeitsteilung beginnen. Unsere gesamte Kultur gründet sich auf Nutzpflanzen. Wer der Menschheit die Nutzpflanzen nimmt, zerstört die Grundmauern unserer Existenz. Er will sie erniedrigen, sie jeder Kultur entfremden und als freie Manövriermasse und als Konsument zur Verfügung haben. Schon jetzt geht es in diese Richtung: Arbeitnehmer haben gefälligst "flexibel" zu sein. Am liebsten sähen es manche Arbeitgebervertreten, wenn sich der "Produktionsfaktor Arbeit" im Wohnwagen durch das Land bewegen würde und vor den Fabriktoren um Arbeit bettelte. Das ist im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" ja schon Realität.

In der Vergangenheit ist der Mensch mit seinen Nutzpflanzen eine Symbiose eingegangen. Folglich können auch die Nutzpflanzen ohne gärtnerisches Wissen nicht existieren. Sie sind nicht nur auf Fürsorge (Düngung, Bewässerung etc.) angewiesen, sie können sich ohne menschliche Hilfe auch nicht mehr vermehren. So springen die Hülsen der Bohnen nicht mehr auf und lösen sich die Samen von Mais nicht mehr aus den Kolben. Es würden sogar ganze Arten aussterben, wenn der Mensch sie nicht mehr anbaute, denn nicht wenige unserer Nahrungspflanzen sind als Wildform in der Natur gar nicht mehr anzutreffen oder sie sind das Ergebnis von Kreuzungen verschiedener Wildarten, die so in der Natur nie vorkamen. Je weniger Menschen sich mit Vermehrung und Aussaat von Kulturpflanzen beschäftigen, desto mehr wird die Sortenvielfalt schwinden und die Abhängigkeit von industriell gefertigter Nahrung steigen. 

 

Fortsetzung in Teil 3 von insgesamt 5: Sortenvielfalt als kulturelle Leistung

Letzte Aktualisierung: 23.2.2015  -  © Garten-pur GbR